Einleitung: Der Tanz des Überlebens und die Psychologie der Freiheit

Dr. Edith Eva Egers Memoiren, im deutschsprachigen Raum vor allem unter dem Titel „In der Hölle tanzen“ bekannt, sind weit mehr als nur die erschütternde Geschichte einer Holocaust-Überlebenden. Das Werk positioniert sich an der Schnittstelle von historischem Zeugnis, klinischer Psychologie und lebenspraktischer Anleitung und stellt einen bedeutenden Beitrag zur Traumatheorie und -therapie dar.1 Es ist ein Text, der das unvorstellbare Leid nicht nur dokumentiert, sondern es in eine universelle, handlungsorientierte Philosophie der Heilung und Freiheit transformiert. Die zentrale Leistung des Buches besteht darin, die tiefsten Abgründe menschlicher Erfahrung in eine zugängliche Lehre über die unbezwingbare Kraft der eigenen Entscheidung zu verwandeln.

Um eine fundierte Analyse zu ermöglichen, ist eine bibliografische Klärung unerlässlich, da das Werk unter verschiedenen Titeln und in unterschiedlichen Ausgaben erschienen ist. „In der Hölle tanzen“ ist der Titel der deutschen Taschenbuchausgabe, während das englische Original „The Choice: Embrace the Possible“ lautet.5 Die deutsche Hardcover-Ausgabe trägt den Titel „Ich bin hier, und alles ist jetzt“, und eine für jugendliche Leser adaptierte Version wurde als „The Ballerina of Auschwitz“ veröffentlicht.5 Diese Vielfalt an Titeln ist nicht nur eine verlegerische Strategie, sondern spiegelt die hybride Natur des Buches wider. Jeder Titel betont eine andere Facette des Werkes: „The Choice“ unterstreicht die psychologische These, „Ich bin hier, und alles ist jetzt“ hebt das therapeutische Prinzip der Achtsamkeit hervor, und „In der Hölle tanzen“ rückt das zentrale traumatische Ereignis in den Vordergrund, um eine emotionale Verbindung zum Leser herzustellen. Diese unterschiedliche Rahmung deutet auf eine bewusste Absicht hin, verschiedene Lesergruppen anzusprechen – den akademisch Interessierten, den Suchenden nach Lebenshilfe und den Leser historischer Biografien.

Tabelle 1: Schlüsselpublikationen von Edith Eger

Originaltitel (Jahr)

Deutscher Taschenbuchtitel (Jahr)

Deutscher Hardcovertitel (Jahr)

Zielgruppe / Fokus

The Choice: Embrace the Possible (2017)

In der Hölle tanzen (2019)

Ich bin hier, und alles ist jetzt (2018)

Allgemeines Publikum; Memoiren und psychologischer Ratgeber

The Gift: 12 Lessons to Save Your Life (2020)

Das Geschenk (2023)

Das Geschenk (2021)

Allgemeines Publikum; Praktischer Leitfaden zur Heilung

The Ballerina of Auschwitz (2024)

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Junge Erwachsene; Adaption von The Choice

Dieser Bericht argumentiert, dass „In der Hölle tanzen“ das Genre der Holocaust-Memoiren transzendiert, indem es als klinisches Manifest fungiert, das existenzialistische Konzepte von Wahl und Sinn für die Verarbeitung von Traumata in einem modernen therapeutischen Kontext anwendbar macht. Dies gelingt durch die einzigartige Verflechtung dreier verschiedener Erzählstränge: dem historischen Zeugnis der Überlebenden, den klinischen Fallstudien der Therapeutin und der introspektiven Reise einer Frau, die sich selbst heilt.

Teil I: Die Formung einer Zeugin – Erzählung und Trauma

Kapitel 1: Die Welt vor dem Abgrund

Um die psychologische Tiefe von Egers Überlebensgeschichte zu verstehen, muss zunächst ihre Welt vor dem Holocaust rekonstruiert werden. Geboren als Edith Elefánt am 29. September 1927 in Košice, damals Teil Ungarns, wuchs sie in einer jüdischen Familie auf, die von intellektuellen und künstlerischen Bestrebungen geprägt war.7 Ihr Vater war Schneider, und sie hatte zwei ältere Schwestern: Magda, eine Pianistin, und Klara, eine talentierte Geigerin.7 Edith selbst war eine leidenschaftliche Balletttänzerin und eine aufstrebende Turnerin mit dem Ziel, an den Olympischen Spielen teilzunehmen.7 Diese frühe Identität als Athletin war mehr als nur ein biografisches Detail; sie bildete das Fundament für die mentalen und physischen Überlebensstrategien, die sie später anwenden würde. Die für den Spitzensport erforderliche Disziplin, die Fähigkeit, Schmerz auszublenden und sich auf eine innere Welt der Form und Leistung zu konzentrieren, stattete sie unbewusst mit einem kognitiven Rüstzeug aus, das sich als überlebenswichtig erweisen sollte.

Das erste Trauma war nicht der Viehwaggon, sondern der schleichende Prozess der Ausgrenzung. Im Jahr 1942 erließ die ungarische Regierung neue antijüdische Gesetze, die Eger von einem Tag auf den anderen aus der Turnmannschaft ausschlossen.7 Dieser Akt der von außen auferlegten Viktimisierung beraubte sie nicht nur ihres Traums, sondern war auch ein Vorbote der vollständigen Entmenschlichung, die folgen sollte. Die in dieser Zeit etablierten familiären Bindungen, insbesondere die enge Beziehung zu ihren Schwestern und die prägenden Worte ihrer Mutter, wurden zu den inneren Ressourcen, auf die sie in der Dunkelheit von Auschwitz zurückgreifen würde.7

Kapitel 2: Im Schatten der Schornsteine: Überleben in Auschwitz

Im Mai 1944 wurde die sechzehnjährige Edith Eger mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert.6 Die Ankunft und die Selektion durch Josef Mengele bilden den Kern ihres Traumas. In einem Moment, der ihr Leben für immer prägen sollte, wurde sie von einem SS-Offizier gefragt, ob die Frau neben ihr ihre Mutter oder ihre Schwester sei. Ihre ehrliche Antwort, „Mutter“, besiegelte das Schicksal ihrer Mutter, die sofort in die Gaskammer geschickt wurde.13 Dieses Ereignis hinterließ bei Eger ein tiefes Schuldgefühl, eine Wunde, die erst Jahrzehnte später durch intensive therapeutische Arbeit heilen konnte.4

Nur Stunden nach dem Tod ihrer Eltern wurde Eger in ihrer Baracke vor Josef Mengele geführt, der sie aufforderte, für ihn zu tanzen.6 Dieser Moment wurde zum zentralen Symbol des Buches und ihrer Lebensphilosophie. Anstatt zu erstarren, nutzte sie die mentalen Fähigkeiten, die sie als Tänzerin und Turnerin trainiert hatte. Sie schloss die Augen und versetzte sich geistig auf die Bühne des Budapester Opernhauses, wo sie zu Tschaikowskys „Romeo und Julia“ tanzte.16 In diesem Akt der inneren Emigration bewies sie die Wahrheit der letzten Worte ihrer Mutter: „Denk daran, niemand kann dir nehmen, was du in deinen Kopf tust“.3 Es war die ultimative Bestätigung, dass der Geist ein souveräner Raum bleiben kann, selbst wenn der Körper versklavt ist.

Als „Belohnung“ für ihren Tanz erhielt sie von Mengele einen Laib Brot.4 Ihre Entscheidung, dieses Brot mit ihren Mitgefangenen zu teilen, anstatt es allein zu essen, ist ein weiteres Schlüsselelement ihrer Geschichte. Dieser Akt der Solidarität schmiedete ein Band der gegenseitigen Abhängigkeit, das sich als lebensrettend erwies. Monate später, während eines Todesmarsches von Mauthausen nach Gunskirchen, brach Eger erschöpft zusammen. Eines der Mädchen, mit denen sie das Brot geteilt hatte, erkannte sie und half, sie zu tragen, wodurch sie ihr das Leben rettete.7 Diese Kausalkette stellt die oft romantisierte Vorstellung des einsamen, willensstarken Überlebenden in Frage und rahmt das Überleben stattdessen als einen gemeinschaftlichen Akt.

Die Befreiung im Mai 1945 war keine triumphale Erlösung, sondern ein weiteres Trauma. Ein amerikanischer Soldat entdeckte ihre Hand, die sich schwach in einem Leichenhaufen bewegte.7 Mit einem Gewicht von nur 32 Kilogramm, einem gebrochenen Rücken und lebensbedrohlichen Krankheiten wie Typhus und Lungenentzündung war sie dem Tod näher als dem Leben.7

Kapitel 3: Das Gefängnis nach dem Gefängnis: Die Jahrzehnte des Schweigens

Egers Leben nach dem Krieg war eine Fortsetzung ihrer Gefangenschaft, wenn auch einer psychologischen. Sie heiratete Béla Eger, einen Mitüberlebenden, und floh mit ihm und ihrer Tochter 1949 aus dem kommunistischen Ungarn in die Vereinigten Staaten.7 Doch die äußere Freiheit brachte keine innere Befreiung. Jahrzehntelang litt sie unter den Symptomen einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Alltägliche Reize – Sirenen, Uniformen, der Rauch eines Schornsteins – lösten quälende Flashbacks aus.11 Ihr Leben war geprägt von dem Versuch, die Vergangenheit zu verdrängen, darüber zu schweigen und eine Fassade der Normalität aufrechtzuerhalten.2

Dieses Schweigen war ein Überlebensmechanismus, der es ihr ermöglichte, eine Familie zu gründen und sich in einer neuen Welt zurechtzufinden. Gleichzeitig wurde es zu einem inneren Gefängnis, das sie von ihren eigenen Gefühlen und von wahrer Heilung abschnitt.11 Sie jagte nach akademischen Titeln und Anerkennung, in der Hoffnung, die innere Leere und das Gefühl der Wertlosigkeit zu füllen, das das Trauma hinterlassen hatte.19 Diese lange Periode des Schweigens und der Verdrängung ist entscheidend für das Verständnis der späteren Botschaft des Buches: Heilung ist unmöglich, ohne sich dem Schmerz zu stellen. Erst als sie erkannte, dass sie als Therapeutin ihre Patienten nicht weiter führen konnte, als sie selbst gegangen war, fand sie den Mut, sich ihrer eigenen Vergangenheit zu stellen.4

Teil II: Die Architektur der Heilung – Dekonstruktion der „Choice Therapy“

Kapitel 4: Die Frankl-Eger-Achse – Vom Sinn zur Entscheidung

Die therapeutische Philosophie von Edith Eger ist untrennbar mit dem Werk von Viktor Frankl verbunden. Frankl, ebenfalls ein Überlebender von Auschwitz und Begründer der Logotherapie, wurde zu ihrem Freund und Mentor, nachdem sein Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ (Original: Man's Search for Meaning) zu einem Katalysator für ihre eigene Heilung wurde.3 Beide Ansätze wurzeln in der existenziellen Philosophie und der extremen Erfahrung der Konzentrationslager. Das gemeinsame Fundament ist die Überzeugung, dass die letzte menschliche Freiheit darin besteht, die eigene Haltung angesichts unveränderlicher Umstände zu wählen.21

Trotz dieser gemeinsamen Basis stellt Egers „Choice Therapy“ (Entscheidungstherapie) eine entscheidende Weiterentwicklung dar. Während Frankls Logotherapie den „Willen zum Sinn“ als primäre menschliche Motivation postuliert, ist Egers Ansatz pragmatischer und handlungsorientierter.24 Wie Philip Zimbardo im Vorwort zu „The Choice“ treffend bemerkt: „Viktor Frankl präsentierte die Psychologie der Gefangenen... Dr. Eger bietet uns die Psychologie der Freiheit“.26 Egers Arbeit konzentriert sich weniger auf die Suche nach einem abstrakten Lebenssinn als vielmehr auf den konkreten, alltäglichen Akt des Wählens – die bewusste Entscheidung von Moment zu Moment, die in Richtung Heilung und Freiheit führt.28 Ein weiterer signifikanter Unterschied liegt in der Betonung der Emotionen. Eger argumentiert vehement, dass das Fühlen und Ausdrücken von Gefühlen, insbesondere von Wut, eine unabdingbare Voraussetzung für Vergebung und Heilung ist.30 Dieser Aspekt ist in Frankls eher philosophischem Rahmen weniger zentral. Eger liefert somit nicht nur das philosophische „Warum“ der existenziellen Therapie, wie Frankl es tat, sondern auch das praktische, wiederholbare „Wie“. Sie hat eine therapeutische Methode entwickelt, die die tiefen existenziellen Einsichten für die klinische Praxis greifbar und anwendbar macht.

Kapitel 5: Die Synthese einer Heilerin: Einflüsse und Integration

Egers „Choice Therapy“ ist keine monolithische Lehre, sondern eine eklektische und intuitive Synthese aus verschiedenen großen psychologischen Schulen.29 Sie hat bewusst Elemente integriert, die sich in ihrer eigenen Heilung und in der Arbeit mit ihren Patienten als wirksam erwiesen haben.

  • Positive Psychologie (Martin Seligman): Eger greift Seligmans Konzept der „erlernten Hilflosigkeit“ auf, um zu erklären, warum Traumaüberlebende oft in passiven Opferrollen verharren.28 Sie nutzt es, um das Verhalten von Häftlingen zu beschreiben, die nach der Befreiung nicht wussten, was sie mit ihrer Freiheit anfangen sollten. Als Gegenmittel adaptiert sie Seligmans Idee des „erlernten Optimismus“ und formt sie zu einem aktiven Prozess der Hoffnungswahl.29

  • Kognitive Verhaltenstherapie (Albert Ellis): Von der KVT übernimmt sie das Grundprinzip, dass unsere Gedanken unsere Gefühle und Verhaltensweisen formen.16 Ein Kernstück ihrer Therapie besteht darin, Patienten dabei zu helfen, jene selbstzerstörerischen Überzeugungen und Denkmuster zu identifizieren und zu verändern, die sie in ihren mentalen Gefängnissen gefangen halten.34

  • Humanistische Psychologie (Carl Rogers): Egers Betonung der „bedingungslosen positiven Selbstachtung“ ist direkt von Rogers inspiriert.16 Sie sieht einen Großteil des menschlichen Leidens in der falschen Annahme, dass wir uns Liebe und Akzeptanz verdienen müssen, indem wir unser wahres Selbst verleugnen. Ihre therapeutische Haltung zielt darauf ab, den Patienten bedingungslose Akzeptanz entgegenzubringen und sie anzuleiten, diese Haltung sich selbst gegenüber zu entwickeln.

Kapitel 6: Die Mechanik der Befreiung: Therapeutische Kernprozesse

Die praktische Anwendung von Egers Therapie basiert auf mehreren zentralen Konzepten, die sie durch ihre eigene Geschichte und die ihrer Patienten illustriert.

  • Viktimisierung vs. Opferrolle: Dies ist der Eckpfeiler ihrer Philosophie. Viktimisierung ist das, was einem von außen angetan wird – ein Ereignis, über das man keine Kontrolle hat. Die Opferrolle (victimhood) hingegen ist eine innere Haltung, eine Identität, die man wählt anzunehmen.23 Wahre Freiheit beginnt mit der bewussten Entscheidung, diese Opferrolle aufzugeben. Leiden ist universell, aber die Opferrolle ist optional.32

  • Die Notwendigkeit von Wut und Trauer: Eger stellt klar, dass Heilung kein rein intellektueller Prozess ist. Sie postuliert: „Es gibt keine Vergebung ohne Wut“ und „Man kann nicht heilen, was man nicht fühlt“.30 Jede Therapie ist letztlich Trauerarbeit, die das vollständige Durchleben des vergangenen Schmerzes erfordert, um dessen Macht über die Gegenwart zu brechen.37

  • Vergebung als Selbstbefreiung: In Egers Modell ist Vergebung kein Akt der Gnade gegenüber dem Täter, sondern ein Akt der Selbstbefreiung.36 Es bedeutet, die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufzugeben und sich von der Last des Grolls zu befreien, die einen an den Täter und die Tat kettet. Der schwierigste und zugleich wichtigste Schritt ist dabei oft die Selbstvergebung.4 Ihre eigene Unfähigkeit, sich jahrzehntelang für den Tod ihrer Mutter zu vergeben, wurzelte in einem Mangel an Mitgefühl für das verängstigte sechzehnjährige Mädchen, das sie damals war. Erst als sie die Prinzipien der bedingungslosen positiven Selbstachtung auf sich selbst anwandte, konnte sie sich vergeben und wahre Freiheit finden. Ihr Buch ist somit ein lebendiger Beweis für die Wirksamkeit seiner eigenen Prinzipien.

  • Hoffnung als Neugier: Eger definiert Hoffnung neu – nicht als passiven Optimismus, sondern als aktive Neugier, herauszufinden, „was als Nächstes passiert“.28 Diese Haltung verwandelt Hoffnung von einem statischen Gefühl in eine dynamische, vorwärtsgewandte Kraft, die zum Handeln motiviert.

Teil III: Die Resonanz einer Geschichte – Wirkung und Vermächtnis

Kapitel 7: Ein neuer Kanon für die Trauma-Literatur: Einfluss auf die Psychotherapie

„In der Hölle tanzen“ hat sich zu einem Schlüsseltext in der modernen Traumatherapie und der Bewegung der trauma-informierten Versorgung entwickelt. Seine Wirkung beruht auf der Fähigkeit, die Kernprinzipien dieses Ansatzes – Sicherheit, Wahlmöglichkeit und Ermächtigung – durch eine fesselnde, persönliche Erzählung zu veranschaulichen.42 Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur Entpathologisierung von Traumareaktionen. Eger besteht darauf, dass posttraumatischer Stress keine „Störung“ ist, sondern eine „übliche und natürliche Reaktion“ auf unnormale Ereignisse.19 Diese Perspektive ist für Betroffene zutiefst validierend und entlastend.

Indem sie ihre eigene extreme Erfahrung neben die alltäglicheren Traumata ihrer Patienten stellt, verkörpert sie das Prinzip, dass es „keine Hierarchie des Leidens“ gibt.45 Diese Botschaft ist für den Aufbau einer therapeutischen Allianz von unschätzbarem Wert, da sie verhindert, dass Klienten ihr eigenes Leid im Vergleich zu dem der Therapeutin abwerten. Das Buch schlägt so eine Brücke zwischen komplexen psychologischen Konzepten des posttraumatischen Wachstums und der gelebten Erfahrung und macht sie sowohl für Kliniker als auch für Laien zugänglich und verständlich.

Kapitel 8: Das Zeugnis für die nächste Generation – „The Ballerina of Auschwitz“

Die Adaption von „The Choice“ für junge Erwachsene unter dem Titel „The Ballerina of Auschwitz“ markiert einen bemerkenswerten Schritt in der Vermittlung von Holocaust-Erfahrungen.8 Die narrative Strategie, die Geschichte aus der Ich-Perspektive der jugendlichen Edie im Präsens zu erzählen und Elemente wie ihre erste Liebe stärker zu betonen, macht die Thematik für eine jüngere Zielgruppe zugänglicher.41 Egers erklärtes Ziel ist es, junge Menschen zu stärken, indem sie ihnen zeigt, dass sie immer die Wahl haben, wie sie auf die Herausforderungen ihres Lebens reagieren.9

Diese Adaption signalisiert einen Paradigmenwechsel in der Holocaust-Pädagogik. Der Fokus verschiebt sich von der reinen historischen Dokumentation und dem Imperativ des Erinnerns („Niemals vergessen“) hin zu einer psychologischen Anwendung und zukunftsorientierten Resilienzförderung („Wenn sie es schaffen kann, kann ich es auch“).41 Die Geschichte des Holocaust wird hier nicht als abgeschlossenes historisches Ereignis behandelt, sondern als Quelle für zeitlose psychologische Lehren, die auf die gegenwärtigen Kämpfe junger Menschen angewendet werden können. Die wirksamste Art, die Vergangenheit zu ehren, so scheint die Botschaft zu lauten, ist nicht nur, sich an sie zu erinnern, sondern ihre hart erkämpften Lektionen aktiv zur Bewältigung der Gegenwart zu nutzen.

Kapitel 9: Kritikerlob und anhaltende Relevanz

Der weltweite Erfolg des Buches, belegt durch seinen Status als Bestseller der New York Times und die Auszeichnung mit dem National Jewish Book Award, zeugt von seiner breiten kulturellen Resonanz.3 Empfehlungen von einflussreichen Persönlichkeiten wie Oprah Winfrey, Desmond Tutu und Bill Gates haben dazu beigetragen, seine Botschaft weit über akademische und therapeutische Kreise hinaus zu verbreiten.46

Dieser immense Erfolg lässt sich auch als kultureller Indikator deuten. In einer Zeit, die oft von oberflächlichen Selbstdarstellungen in sozialen Medien geprägt ist, scheint es ein tiefes gesellschaftliches Bedürfnis nach authentischen Erzählungen von Heilung zu geben. Egers Geschichte bietet ein starkes Gegenmittel: eine Erzählung von tiefgreifender Zerstörung, die zu echter, mühsamer, aber letztlich erreichbarer Heilung führt. Ihre doppelte Autorität als Zeugin des Unaussprechlichen und als klinische Expertin verleiht ihrer Botschaft eine einzigartige Glaubwürdigkeit. Das Buch ist somit nicht nur ein Dokument der Vergangenheit, sondern eine zeitlose Ressource für die Navigation durch persönliche und kollektive Krisen der Gegenwart.

Schlussfolgerung: Der unbezwingbare Geist

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass „In der Hölle tanzen“ von Dr. Edith Eva Eger ein vielschichtiges Meisterwerk ist, das die Grenzen zwischen Memoiren, psychologischem Fachbuch und Lebensratgeber auflöst. Die Analyse hat gezeigt, wie Egers persönliche Erzählung von Trauma und Überleben das Fundament für ihren universellen psychologischen Rahmen bildet. Ihre „Choice Therapy“ entwickelt die Logotherapie ihres Mentors Viktor Frankl entscheidend weiter, indem sie dessen philosophische Einsichten mit praktischen, emotionsfokussierten Techniken aus der Kognitiven Verhaltens- und Humanistischen Psychologie verbindet und so für die klinische Praxis operationalisiert.

Das Vermächtnis des Buches liegt in seiner Fähigkeit, die Werkzeuge des posttraumatischen Wachstums zu demokratisieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die Adaption für junge Erwachsene unterstreicht diesen Anspruch, die Lehren aus der dunkelsten Vergangenheit in eine Quelle der Kraft für die Zukunft zu verwandeln.

Die ultimative Botschaft von „In der Hölle tanzen“ ist eine der radikalen Selbstermächtigung. Während äußere Umstände unvorstellbares Leid und Verlust verursachen können, bleibt der menschliche Geist ein souveräner Raum. Die Fähigkeit, die eigene Reaktion zu wählen, Hoffnung in der Neugier zu finden und durch Vergebung zu heilen, ist der höchste Ausdruck menschlicher Freiheit – eine Freiheit, die selbst nach dem Tanz in der Hölle kultiviert und errungen werden kann.

Referenzen

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  2. Book Review | The Choice – Edith Eger - For The Love of Books Blog - WordPress.com, Zugriff am August 5, 2025, https://ashleighbekkah.wordpress.com/2018/11/14/book-review-the-choice-edith-eger/

  3. The Choice: Embrace the Possible | Jewish Book Council, Zugriff am August 5, 2025, https://www.jewishbookcouncil.org/book/the-choice-embrace-the-possible

  4. THE CHOICE: Embrace the Possible - Dr. Edith Eger, Zugriff am August 5, 2025, https://dreditheger.com/the-choice/

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  6. In der Hölle tanzen von Edith Eva Eger | ISBN 978-3-442-71906-8 ..., Zugriff am August 5, 2025, https://www.lehmanns.de/shop/geisteswissenschaften/47126738-9783442719068-in-der-hoelle-tanzen

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  8. The Ballerina of Auschwitz | Book by Edith Eva Eger | Official ..., Zugriff am August 5, 2025, https://www.simonandschuster.com/books/The-Ballerina-of-Auschwitz/Edith-Eva-Eger/9781665952552

  9. Inspiring Story: Holocaust Survivor Dr. Edith Eger - Senior Planet from AARP, Zugriff am August 5, 2025, https://seniorplanet.org/articles-inspiring-dr-edith-eger/

  10. Dr. Edith Eger - El Paso Holocaust Musem, Zugriff am August 5, 2025, https://elpasoholocaustmuseum.org/dr-edith-eger/

  11. The Choice By Dr. Edith Eger: An Inspiring Book Review And Journey Towards Healing, Zugriff am August 5, 2025, https://shilpakapilavai.com/the-choice-by-dr-edith-eger-an-inspiring-book-review-and-journey-towards-healing/

  12. Eger, Dr. Edith - El Paso Holocaust Musem, Zugriff am August 5, 2025, https://elpasoholocaustmuseum.org/eger-dr-edith/

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  14. "The Choice"- Survivor and Author Edith Eger on healing trauma - PBS, Zugriff am August 5, 2025, https://www.pbs.org/wnet/exploring-hate/2024/01/29/holocaust-survivor-dr-edith-eger-tells-her-story/

  15. Review: The Choice | William Peace Blog, Zugriff am August 5, 2025, https://williampeaceblog.com/2019/01/26/review-the-choice/

  16. Book Review: The Choice by Edith Eger | Fingal County Council, Zugriff am August 5, 2025, https://www.fingal.ie/book-review-choice-edith-eger

  17. Courage can Save Your Life | Dr Edith Eva Eger | TEDxSanDiego - YouTube, Zugriff am August 5, 2025, https://www.youtube.com/watch?v=vF1IhaSyui4

  18. Biography - Dr. Edith Eger, Zugriff am August 5, 2025, https://dreditheger.com/about/

  19. Dr. Edith Eva Eger – In der Hölle tanzen - Buchsensibel, Zugriff am August 5, 2025, https://buchsensibel.de/2023/03/27/in-der-hoelle-tanzen/

  20. Edith Eger Archives - Becoming Yourself, Zugriff am August 5, 2025, https://becomingyourself.net/tag/edith-eger/

  21. Free To Choose - Yvonne Flynn Coaching, Zugriff am August 5, 2025, https://yvonneflynncoaching.ie/2021/03/06/free-to-choose/

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  44. An Auschwitz survivor's guide to healing | Bill Gates, Zugriff am August 5, 2025, https://www.gatesnotes.com/books/people/reader/the-choice

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  46. Tag: Ebury Press - Schizanthus Nerd, Zugriff am August 5, 2025, https://schizanthusnerd.com/tag/ebury-press/

  47. "In der Hölle tanzen" als Hörbuch kaufen - Thalia, Zugriff am August 5, 2025, https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1061768122

  48. Book review: The Choice by Edith Eger - Busy mum lifestyle, Zugriff am August 5, 2025, https://busymumlifestyle.co.uk/book-review-the-choice-by-edith-eger/

  49. The Choice: Embrace The Possible by Dr. Edith Eva Eger - Wayne Northey, Zugriff am August 5, 2025, https://waynenorthey.com/book-review/the-choice-by-dr-edith-eva-eger/

*Coverabbildung honorarfrei für journalistische Nutzung - Penguin Verlag.

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