1. Einleitung: Juli Zeh und „Über Menschen“ – Ein zeitgenössischer Spiegel

Dieser Bericht widmet sich einer eingehenden Analyse von Juli Zehs Roman „Über Menschen“, der 2021 veröffentlicht wurde. Die Untersuchung beleuchtet die narrative Struktur, die zentralen thematischen Anliegen, den literarischen Stil, die kritische Rezeption sowie die Einordnung des Werkes im Gesamtwerk der Autorin.

1.1. Juli Zeh: Eine politisch engagierte Stimme in der deutschen Literatur

Juli Zeh, geboren 1974, hat sich als eine der profiliertesten und politisch engagiertesten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur etabliert. Ihre akademische Ausbildung, die einen Doktortitel in Rechtswissenschaften umfasst, und ihre Publikationen zu Völkerrecht, Datenschutz und politischen Entscheidungen prägen ihr literarisches Schaffen maßgeblich.1 Diese fundierte juristische und politische Expertise fließt in ihre Romane ein, die oft als fiktionale Experimente dienen, um reale gesellschaftliche Probleme und Tendenzen zu beleuchten.2 Die Autorin selbst beschreibt ihr Schreiben in diesem Kontext als eine „Aufgabe“, die aus politischen Beweggründen resultiert.3

Zehs Engagement geht über das literarische Feld hinaus; sie ist seit 2017 Mitglied der SPD und setzt sich aktiv für die Modernisierung innerparteilicher Strukturen ein.4 Diese Verbindung von intellektueller Schärfe, politischer Haltung und literarischer Gestaltung führt dazu, dass ihre Werke und ihre öffentliche Person untrennbar miteinander verbunden sind. Ihre Romane sind somit nicht nur Erzählungen, sondern auch Beiträge zu gesellschaftlichen Debatten, die ihre intellektuellen und politischen Anliegen widerspiegeln.

1.2. „Über Menschen“: Kontext und erste Eindrücke

„Über Menschen“ wurde im März 2021 vom Luchterhand Literaturverlag veröffentlicht und ist als Gegenwartsroman konzipiert, der sich mit den unmittelbaren Befangenheiten, Schwächen und Ängsten der heutigen Zeit auseinandersetzt.6 Die Handlung ist bewusst in der Anfangsphase der COVID-19-Pandemie in Deutschland angesiedelt, genauer gesagt im Frühjahr 2020 während des ersten Lockdowns.7 Obwohl dieser zeitgenössische Rahmen für einige Leser zunächst abschreckend wirkte 8, diente er der Autorin als prägnante Folie für bereits vorhandene thematische Interessen. Juli Zeh gab an, dass die erste Fassung des Romans bereits vor dem Ausbruch der Pandemie geschrieben wurde und der Corona-Kontext nachträglich integriert wurde.9 Dies deutet darauf hin, dass die Pandemie weniger der Ursprung der Erzählung war, sondern vielmehr als Katalysator und Vergrößerungsglas für bestehende gesellschaftliche Spannungen und ideologische Gräben diente.

Der Titel des Romans, „Über Menschen“, ist bewusst provokativ gewählt. Er spielt mit der Konnotation des nationalsozialistischen Ideals des „Übermenschen“ 11, was von Beginn an eine zentrale Fragestellung des Buches signalisiert: die Dekonstruktion ideologischer Reinheit und die komplexe, oft unbequeme Realität menschlicher Natur jenseits einfacher Kategorisierungen.7 Diese Titelwahl fordert die Leserschaft unmittelbar heraus, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was es wirklich bedeutet, „Mensch“ zu sein, und ob moralische Überlegenheit auf ideologischer Zugehörigkeit basieren kann.

2. Detaillierte Handlung: Doras Reise von Berlin nach Bracken

Dieser Abschnitt bietet eine umfassende Darstellung der Handlung des Romans „Über Menschen“, wobei die Entwicklung der Hauptfiguren und die Bedeutung des Schauplatzes hervorgehoben werden.

2.1. Protagonistin und Ausgangssituation

Die zentrale Figur des Romans ist Dora, eine 36-jährige Werbetexterin, die zu Beginn der Erzählung in einer beengten Wohnung in Berlin-Kreuzberg mit ihrem Freund Robert zusammenlebt.7 Robert wird als ein urbaner Akademiker dargestellt, dessen Ansichten von dogmatischer Starrheit geprägt sind. Er wandelt sich von einem „messianischen Klimaaktivisten“ zu einem „gefeierten Corona-Propheten“, der seine eigene Meinung als die einzig richtige ansieht und Dora für ihre mangelnde Konformität kritisiert.7 Dora empfindet zunehmend Frustration und Beklemmung angesichts Roberts dogmatischer Haltung und der als „Wokeness“ empfundenen Atmosphäre in Berlin.7 Ihr Unbehagen äußert sich in passiv-aggressiven Handlungen, wie dem heimlichen Entsorgen von Pfandflaschen im Restmüll 8, und einem tiefen Bedürfnis nach „mehr Freiheit, Raum zum Atmen“.7

2.2. Der Umzug nach Bracken und erste Begegnungen

Getrieben von diesem Wunsch nach Entfliehen, erwirbt Dora heimlich ein renovierungsbedürftiges Haus mit einem verwilderten Garten im kleinen brandenburgischen Dorf Bracken in der Prignitz.7 Sie zieht dort mit ihrer Hündin Jochen-der-Rochen während des ersten COVID-19-Lockdowns im Frühjahr 2020 ein.4

Die erste Begegnung mit ihrem Nachbarn, Gottfried, der sich unverblümt als „Gote. Ich bin hier der Dorf-Nazi“ vorstellt 7, ist ein entscheidender Moment. Diese direkte Konfrontation mit einem Stereotyp prägt Doras anfängliche Erfahrungen in ihrem neuen Lebensumfeld. Das Dorf Bracken selbst wird als eine „AfD-Wähler, Alltagsrassisten und Dorfnazis“ umfassende „rechte Hochburg“ beschrieben, die unter sandigem Boden und Trockenheit leidet und eine aussterbende Infrastruktur aufweist.7 Die unvermittelte Einführung Gotes als „Dorf-Nazi“ ist ein gezielter Schockeffekt in der Erzählung. Dies dient dazu, Dora – und damit auch die Leserschaft – von Anfang an mit tief verwurzelten Stereotypen zu konfrontieren und den Boden für das zentrale Anliegen des Romans zu bereiten: die Hinterfragung von Schwarz-Weiß-Denken.

2.3. Die Entwicklung von Beziehungen und die Infragestellung von Vorurteilen

Dora beginnt, sich an das Landleben anzupassen, arbeitet aus der Ferne und widmet sich der Renovierung ihres neuen Hauses.10 Trotz Gotes anfänglicher Selbstbeschreibung und gelegentlicher „rassistischer Witze“ 10 erweist er sich unerwartet als „sonderbar fürsorglicher Nachbar“ und „Menschenfreund“.7 Er hilft Dora bei der Gartenarbeit und fertigt Möbel für sie an.7 Dora ist überrascht von Gotes „gutem Geschmack“ bei der Pflanzenauswahl, was sie dazu zwingt, ihre eigenen vorgefassten Meinungen zu hinterfragen. Sie erkennt, dass „nirgendwo […] geschrieben [steht], dass Neonazis keine Hortensien mögen“.8 Auch Gotes zehnjährige Tochter Franzi lernt Dora kennen.4

Die narrative Gestaltung, die Dora in unmittelbare Nähe zu Gote bringt, ist ein entscheidendes Element des Romans. Doras Umzug aus der ideologisch rigiden städtischen Umgebung in das ländliche Dorf, wo sie auf einen selbsternannten „Nazi“ trifft, ist eine bewusste Erzählentscheidung. Die sich daraus entwickelnde komplexe, hilfsbereite Beziehung zu Gote, ungeachtet seiner politischen Ansichten, zwingt Dora – und durch sie die Leserschaft – dazu, das eigene Schwarz-Weiß-Denken zu überprüfen. Es wird deutlich, dass „ideologische Ansichten über Menschen nur aus der Distanz möglich sind“ 10 und dass wahres Verstehen eine direkte Auseinandersetzung erfordert, die über vereinfachende Etiketten hinausgeht, um die gemeinsame Menschlichkeit zu erkennen.

2.4. Höhepunkt und Auflösung

Der Roman offenbart, dass Gote „todkrank“ ist und an einem Hirntumor leidet.7 Dora erfährt dies von ihrem Vater, einem renommierten Hirnchirurgen, den sie um Hilfe bittet.14 Diese Diagnose führt dazu, dass Dora unerwartet zu Gotes „Fürsorgerin“ wird.14 Dieser Akt der Fürsorge für jemanden, den sie anfänglich in eine klare Kategorie des „Anderen“ eingeordnet hatte, stellt den Höhepunkt ihrer persönlichen Entwicklung dar.

Der Roman „gipfelt schließlich in der Frage, ob man als Nicht-Nazi denn nun tatsächlich ein Übermensch sei, automatisch besser als alle anderen“.7 Dora erkennt, dass ihr „Gefühl der Überlegenheit die ‚Mutter aller Probleme‘ ist, ein lang wirkendes Gift, das die gesamte Menschlichkeit von innen heraus auffrisst“.15 Das Ende des Romans ist „versöhnlich“ 7 und skizziert eine Gemeinschaft, in der unterschiedliche Individuen in Frieden und Toleranz zusammenleben und sich gegenseitig helfen, ungeachtet ihrer Ansichten. Dies schafft den Eindruck einer „Utopie“ oder eines „Sehnsuchtsortes“.8

Die Enthüllung von Gotes tödlicher Krankheit und Doras Übernahme der Pflege ist nicht nur ein narrativer Kniff, sondern eine tiefgreifende ethische Aussage. Sie zwingt Dora und somit auch die Leserschaft, die Verletzlichkeit und die gemeinsame Menschlichkeit einer Figur zu erkennen, die zuvor als „Feind“ kategorisiert wurde. Dieser unmittelbare Akt der Fürsorge überwindet politische und ideologische Grenzen und führt zu Doras kritischer Selbstreflexion über ihre eigene „Überlegenheit“. Der Roman argumentiert somit, dass wahre Menschlichkeit in Empathie und der Ablehnung dogmatischer moralischer Urteile liegt, selbst gegenüber Personen mit abstoßenden Ansichten, ohne diese Ansichten dabei zu billigen. Dies ist die Kernbotschaft hinter dem provokativen Titel „Über Menschen“ – eine Herausforderung an die Vorstellung von „Übermenschen“, die sich selbst als moralisch überlegen betrachten.

Tabelle 1: Schlüsselcharaktere und ihre Rollen in „Über Menschen“

Charakter

Rolle/Beschreibung

Schlüsselmerkmale/Entwicklung

Dora

Protagonistin, Werbetexterin aus Berlin

Flieht vor dogmatischem Freund und „Wokeness“ aufs Land; hinterfragt eigenes Schwarz-Weiß-Denken; wird Gotes Fürsorgerin.

Robert

Doras Ex-Freund in Berlin

Verkörpert urbanen, linksintellektuellen Dogmatismus; vom Klimaaktivisten zum Corona-Propheten.

Gottfried (Gote)

Doras Nachbar in Bracken

Selbsternannter „Dorf-Nazi“; erweist sich als hilfsbereit und fürsorglich; stirbt an Hirntumor.

Franzi

Gotes zehnjährige Tochter

Humanisiert Gotes Charakter; steht für Unschuld inmitten komplexer Ideologien.

Jochen-der-Rochen

Doras Hündin

Doras Begleiterin und Quelle des Trostes; symbolisiert Verbindung zur Natur.

Diese tabellarische Übersicht bietet einen prägnanten Überblick über die Hauptfiguren des Romans. Sie dient als schnelle Referenz, die es der Leserschaft ermöglicht, die zentralen Beziehungen und die symbolischen Funktionen der Charaktere zu erfassen. Insbesondere wird die Gegenüberstellung von Dora und Robert, die den urbanen intellektuellen Dogmatismus repräsentieren, mit Gote, der für die ländliche, politisch „andere“ Bevölkerung steht, verdeutlicht. Diese Konstellation ist entscheidend für die thematische Auseinandersetzung des Romans mit Polarisierung und der Subversion von Stereotypen.

3. Zentrale Themen und Motive

Dieser Abschnitt widmet sich den Kernanliegen von „Über Menschen“ und bietet eine tiefere analytische Perspektive auf die vom Roman verhandelten Themen.

3.1. Gesellschaftliche Polarisierung und die Suche nach Nuancen

Der Roman thematisiert explizit die „politische Differenz zwischen links und rechts“ und die „Spaltung der Gesellschaft“.4 Er kritisiert das „Schwarz-Weiß-Denken“ und die Neigung, Menschen in Kategorien wie „gut oder böse“, „richtig oder falsch“ einzuteilen.6 Juli Zeh beabsichtigt, der Gesellschaft mit diesem Werk einen „Spiegel“ vorzuhalten, der ihre „Widersprüche und Gegensätze“ aufzeigt.6 Die Erzählung beleuchtet sowohl den „Dogmatismus von Robert“, dem linksgerichteten Städter, als auch die rechten Ansichten Gotes.14 Diese symmetrische Kritik unterstreicht Zehs Forderung nach einem differenzierteren Verständnis gesellschaftlicher Positionen.

Juli Zehs Darstellung des Dogmatismus von Robert und der rechten Ansichten Gotes legt nahe, dass ideologische Starrheit, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, ein grundlegendes Problem in der heutigen Gesellschaft darstellt. Indem sie Doras Reise der Selbsthinterfragung und ihre Auseinandersetzung mit Gote schildert, plädiert der Roman für die Schaffung eines Raumes „zwischen den Extremen“.8 Dies bedeutet nicht, extremistische Ansichten zu relativieren, sondern vielmehr, das Verstehen der

Person hinter der Ideologie zu fördern. Dies impliziert, dass Dialog und menschliche Verbindung unerlässlich sind, um gesellschaftliche Fragmentierung zu überwinden. Diese Perspektive deckt sich mit Zehs öffentlichen Äußerungen, in denen sie sich als „Brückenbauerin“ bezeichnet und ihr Bestreben betont, die Gründe für bestimmte politische Haltungen zu verstehen.5

3.2. Die Dichotomie von Stadt- und Landleben und subvertierte Stereotypen

Doras Flucht von Berlin in das brandenburgische Dorf Bracken ist ein zentrales Motiv, das den Kontrast zwischen urbanem und ländlichem Leben untersucht.8 Der Roman präsentiert das Landleben zunächst durch Stereotypen: begrenzte Busfahrpläne, Dorfgeräusche 8 und die unvermittelte Vorstellung Gotes als „Dorf-Nazi“.9 Juli Zeh untergräbt jedoch geschickt „was zunächst wie Klischees eines ahnungslosen Stadtmädchens und eines ‚Dorf-Nazis‘ erscheint“.10 Es wird gezeigt, dass die „Realität komplexer ist als einfache Kategorisierungen“.8 Zehs eigene, 15-jährige Erfahrung des Lebens in einem brandenburgischen Dorf prägt diese Darstellung maßgeblich. Sie beschreibt die ländliche Gemeinschaft als eine „Zwangsheirat“, aber auch als eine „Bereicherung“ aufgrund der unvermeidlichen Interaktion und unerwarteten „Hilfsbereitschaft“.18

Die Dichotomie zwischen Stadt und Land in „Über Menschen“ ist mehr als nur eine Kulisse; sie fungiert als thematisches Instrument. Die Stadt (Berlin) repräsentiert einen Raum ideologischer Reinheit und Selbstabgrenzung, in dem Dora abweichende Meinungen leicht meiden kann. Das Dorf (Bracken) hingegen wird zu einem „Schmelztiegel“, in dem erzwungene Nähe („Zwangsheirat“) die Auseinandersetzung mit Unterschieden notwendig macht. Zeh nutzt diese Umgebung, um zu argumentieren, dass echte menschliche Verbindung und die Überwindung von Stereotypen eher in Umgebungen stattfinden, in denen Ausweichen keine Option ist. Dies steht im Gegensatz zur „Oberflächlichkeit“ früherer städtischer Interaktionen.18 Dadurch wird die ländliche Kulisse integraler Bestandteil der Kernbotschaft des Romans über Toleranz und Nuancen.

3.3. Individuelle Freiheit, kollektive Verantwortung und die Auswirkungen von Krisen

Die Corona-Pandemie dient als Hintergrund, der bestehende gesellschaftliche Ängste und Spaltungen verstärkt.8 Der Roman berührt implizit Themen, die an Zehs dystopischen Roman „Corpus Delicti“ erinnern, in dem Gesundheit eine Staatsangelegenheit ist und persönliche Freiheiten zugunsten des kollektiven Wohlergehens beschnitten werden.2 In „Corpus Delicti“ garantiert die „Methode“ Gesundheit, jedoch auf Kosten „persönlicher Freiheiten“ und einer „dauerhaften Kontrolle und Sanktionierung durch den Staat“.2 Dies führt zu einem „infantilen Stadium des Menschseins“, in dem Freiheit mit „Verantwortungsfreiheit“ verwechselt wird.2 Juli Zeh selbst bezeichnete die Corona-Ausgangssperren als „totalitäre Strafsituation“ und betonte die Bedeutung der Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen und der Grundrechte.5

Indem „Über Menschen“ während der Pandemie angesiedelt wird, zieht Zeh eine direkte, wenn auch implizite, Parallele zu den in „Corpus Delicti“ untersuchten Themen. Die gesellschaftlichen Reaktionen auf COVID-19, insbesondere die Debatten um staatliche Kontrolle, individuelle Verantwortung und die wahrgenommene „Gesundheitsdiktatur“ 3, spiegeln das dystopische Szenario von „Corpus Delicti“ wider. Zeh nutzt die Pandemie, um aufzuzeigen, wie reale Krisen Gesellschaften dazu drängen können, individuelle Freiheiten für vermeintliche kollektive Sicherheit zu opfern, und wie dies zu Dogmatismus und einem Verlust an kritischem Denken führen kann, ganz wie sie es in ihrem früheren Werk untersuchte. Ihre öffentlichen Äußerungen zu diesem Thema 5 bestätigen diese zugrunde liegende Kritik.

3.4. Die menschliche Verfassung jenseits der Ideologie

Eine zentrale Botschaft des Romans ist, dass „die Welt nicht nur schwarz oder weiß, gut oder böse ist“.6 Der Roman betont, dass „der Mensch mehr ist als seine politische Einstellung“.7 Zehs Leistung in „Über Menschen“ besteht darin, dass sie „nicht über Nazis, Schwule, Großstadt-Besserwisser oder Dorf-Trottel schreibt, sondern in erster Linie über Menschen“.17 Der Roman fordert die Leserschaft auf, „unter die Oberfläche von Ideologien und Gesinnungen“ zu blicken 7, und argumentiert, dass „ideologische Ansichten über Menschen nur aus der Distanz möglich sind“.10

Das Kernargument des Romans ist ein tiefgreifendes Plädoyer für den Humanismus in einer zunehmend polarisierten Welt. Indem Dora gezwungen wird, ihre eigenen Vorurteile zu konfrontieren und das „Menschliche“ in Gote zu erkennen, legt Zeh nahe, dass starre ideologische Etiketten echte Verbindung und Verständnis verhindern. Die Erzählung demonstriert, dass die Konzentration auf gemeinsame menschliche Erfahrungen – wie Krankheit, Fürsorge, Gemeinschaft oder selbst einfache ästhetische Wertschätzung – scheinbar unüberwindbare Gräben überbrücken kann. Dies ist Zehs Versuch, der Entmenschlichung entgegenzuwirken, die oft mit starken ideologischen Positionen einhergeht, und zu bekräftigen, dass die „Ontologie des ‚Menschseins‘“ politische Unterschiede überwinden kann und sollte.21

4. Literarischer Stil und Erzähltechniken

Dieser Abschnitt analysiert die stilistischen Entscheidungen und narrativen Methoden, die in „Über Menschen“ zum Einsatz kommen.

4.1. Sprache, Ton und Humor

Juli Zehs Schreibstil in „Über Menschen“ wird als „klar, prägnant und schnörkellos“ beschrieben 7, was einen angenehmen Lesefluss ermöglicht. Die Sprache ist „sehr bildlich“ und „anschaulich“ 7, wodurch sich die Schauplätze und Situationen hervorragend vorstellen lassen. Trotz der ernsten Themen integriert der Roman „humorvolle und tiefgründige Dialoge“ 22 sowie „witzige und amüsante Passagen“.7 Zehs „trockener Humor“ wird hervorgehoben, der oft den Idealismus durchbricht, beispielsweise mit der Bemerkung: „Wir in der Provinz würden gerne Beatmungsgeräte bekommen, aber woher bekommen wir diesen öffentlichen Nahverkehr?“.8 Der Ton des Romans ist insgesamt als „unaufgeregt und politisch pointiert“ charakterisiert.7

Der durchgängige Einsatz von Humor und Ironie, selbst bei kontroversen Themen wie Rechtsextremismus oder Pandemie-Einschränkungen, erfüllt eine entscheidende Funktion. Er verhindert, dass der Roman übermäßig belehrend oder moralisierend wirkt, und ermöglicht eine nuanciertere und weniger emotional aufgeladene Auseinandersetzung mit schwierigen Themen. Diese stilistische Wahl dient als Deeskalationsmechanismus, der eine kritische Distanz für die Leserschaft schafft und die herausfordernden Themen zugänglicher macht. Dies wiederum fördert die Kernbotschaft des Romans, das Schwarz-Weiß-Denken zu hinterfragen. Es spiegelt zudem Zehs eigene öffentliche Persönlichkeit wider, die oft mit Witz komplexe Sachverhalte behandelt.5

4.2. Erzählperspektive und Charakterentwicklung

Die Erzählperspektive in „Über Menschen“ konzentriert sich hauptsächlich auf die Protagonistin Dora.7 Dies ermöglicht einen tiefen Einblick in ihre „Gedanken- und Gefühlswelt, ihre Zweifel, ihre Selbstreflexion und ihre Suche nach Autonomie“.7 Dora ist eine Figur, mit der sich viele Leser identifizieren können, da ihre Gedanken und Sorgen angesichts der Pandemie und gesellschaftlicher Veränderungen authentisch und nachvollziehbar sind.7 Diese Fokussierung steht im Gegensatz zu Zehs früherem Roman „Unterleuten“, der eine multiperspektivische Erzählweise verwendet und Ereignisse aus der Sicht „unzähliger Personen“ darstellt.23 Der Roman spielt bewusst mit „Klischees und Vorurteilen“, insbesondere im Hinblick auf das Stadt-Land-Gefälle und die politischen Einstellungen der Dorfbewohner.7

Der Wechsel von der multiperspektivischen Erzählweise in „Unterleuten“ zur singulären, Dora-zentrierten Perspektive in „Über Menschen“ ist eine bewusste und bedeutsame narrative Entscheidung. Während „Unterleuten“ verschiedene Blickwinkel nutzte, um die Unmöglichkeit einer objektiven Wahrheit und die Häufigkeit von „Irrtümern und Selbsttäuschungen“ aufzuzeigen 24, nutzt „Über Menschen“ Doras innere Reise, um den

Prozess der Überwindung tief verwurzelter Vorurteile zu veranschaulichen. Indem die Leserschaft auf Doras Perspektive beschränkt wird, wird eine tiefere Identifikation mit ihren Kämpfen und Erkenntnissen erzwungen, was die Dekonstruktion des Schwarz-Weiß-Denkens zu einer persönlicheren und immersiveren Erfahrung macht. Dies ermöglicht es der Leserschaft, die Infragestellung der eigenen Annahmen an der Seite von Dora mitzuerleben.

4.3. Struktur und Pacing

Die Kapitel des Romans sind „angenehm kurz und mit passenden Überschriften versehen“ 7, was zum flüssigen Leseverlauf beiträgt. Einige Kritiker empfanden die Handlung jedoch als „zu schlicht“ und „von Seite 1 an abzusehen“.7 Andere bemängelten, der Roman sei „gnadenlos geplottet“ und „rührstückhaft“ 25, wobei Charaktere und Ereignisse (wie Gotes Tochter, Gotes Tumor oder Doras Vater als Hirnchirurg) zu bequem eingeführt würden, um bestimmte Handlungsstränge zu ermöglichen.14

Die Kritik an der „simplen“ Handlung und dem „gnadenlos geplotteten“ Charakter des Romans 7 deutet auf einen potenziellen Kompromiss hin. Während die klare Erzählweise und der direkte Fokus auf Doras innere Reise den Roman zugänglich machen und seine Botschaft deutlich vermitteln, empfinden einige Literaturkritiker dies als ein Opfer von Komplexität zugunsten von Didaktik oder Sentimentalität. Dies wirft die Frage nach Zehs Prioritäten auf: Strebt sie nach tiefgreifender literarischer Innovation oder nach einem äußerst effektiven, weitreichend zugänglichen Gesellschaftskommentar? Der kommerzielle Erfolg des Romans 13 trotz dieser Kritik legt nahe, dass für viele Leser die Direktheit und thematische Relevanz etwaige narrative Mängel überwogen haben.

5. Rezeption und Kontroversen

Dieser Abschnitt beleuchtet die kritische und öffentliche Rezeption von „Über Menschen“, einschließlich der bedeutenden Kontroversen, die das Werk ausgelöst hat.

5.1. Kommerzieller Erfolg und Auszeichnungen

„Über Menschen“ war ein beachtlicher kommerzieller Erfolg. Es wurde zum „meistverkauften belletristischen Hardcover im ersten Halbjahr 2021“ in Deutschland, mit über einer halben Million verkauften Exemplaren.10 Für diesen Erfolg wurde Juli Zeh mit dem Media Control Award ausgezeichnet.13 Auch ihr vorheriger Roman „Unterleuten“ war ein Bestseller, und Juli Zeh hat im Laufe ihrer Karriere zahlreiche weitere Literaturpreise erhalten, darunter den Carl-Amery-Literaturpreis, den Thomas-Mann-Preis, den Hildegard-von-Bingen-Preis sowie 2018 das Bundesverdienstkreuz.27

Der deutliche Gegensatz zwischen dem immensen kommerziellen Erfolg des Romans (Bestseller im ersten Halbjahr 2021) 13 und der gemischten, oft kritischen literarischen Rezeption 25 ist bemerkenswert. Dies deutet darauf hin, dass der Roman bei einem breiten Publikum großen Anklang fand, wahrscheinlich aufgrund seiner direkten Auseinandersetzung mit aktuellen Themen (Corona, Polarisierung) und seines zugänglichen Erzählstils, auch wenn einige Kritiker die literarische Ausführung als „simplizistisch“ oder „sentimental“ empfanden. Dies verdeutlicht eine potenzielle Divergenz in den Wertvorstellungen zwischen der allgemeinen Leserschaft und der Literaturkritik in Bezug auf zeitgenössische Belletristik.

5.2. Kritische Stimmen: Lob und Tadel

Die Rezeption von „Über Menschen“ war gespalten.

  • Lob: Rezensenten lobten den „Witz und die Gegenwärtigkeit“ des Romans 25, seine Fähigkeit, „unter die Oberfläche von Ideologien und Gesinnungen“ zu blicken 7, und seine Darstellung einer „versöhnlichen“ Welt.7 Einige empfanden ihn als „gekonnt erzählt und mit einer Klarheit ausgeführt, die an Jugendliteratur erinnert, aber mit pointierten Dialogen, Ironie, Wut und einer Stoik“.10 Er wurde dafür gelobt, der Gesellschaft einen „Spiegel“ vorzuhalten.6

  • Kritik:

  • Vorhersehbarkeit und Simplifizierung: Viele Kritiker befanden die Handlung als „vorhersehbar“ und die Erzählung als „simplizistisch“, wobei „Komplexität der Simplifizierung weicht“.7

  • „Rührstück“ und „Gemenschel“: Mehrere Rezensionen bezeichneten den Roman als „Rührstück“ und kritisierten das „heftige Gemenschel“ 25, insbesondere in Bezug auf Doras Annäherung an Gote.

  • „Plattitüdenhafte Sprache“ und „Schiefe Metaphern“: Einige Rezensenten empfanden Zehs Sprache als „plattitüdenhaft“ und ihre Metaphern als „schief“.25

  • Klischeehafte Darstellung des Landlebens: Kritiker wie Julia Encke monierten, dass die „Ur-Dorfbewohner“ lediglich als „Staffage“ dienten 25, und die Darstellung des Landlebens wurde teilweise als klischeehaft oder naiv empfunden.8

  • „Naive Pädagogik“: Wolfgang Schütz bezeichnete den Roman als „Zumutung“ und seine Botschaft als „naive Pädagogik“, wobei er die Frage aufwarf, ob Literatur auf diese Weise als „Mediator“ wirken sollte.16

5.3. Die „Nazi-Versteherin“-Kontroverse

Die bedeutendste Kontroverse um „Über Menschen“ entstand durch den Vorwurf, Juli Zeh sei eine „Nazi-Versteherin“.5 Diese Anschuldigung, die Billigung oder Verteidigung implizierte, resultierte aus der als „einfühlsam“ empfundenen Darstellung des „Dorf-Nazis“ Gote im Roman.19 Juli Zeh wies den Vorwurf vehement als „Quatsch“ zurück und erklärte, dies zeige lediglich, „dass selbst Verstehen heute zu einem moralischen Problem geworden ist“.5 Sie stellte klar: „Ich sage nicht, du bist böse, sondern ich sage eben, warum ich die AfD auf keinen Fall wählen würde“.19

Juli Zeh betonte ihren juristischen Ansatz: „Neugier statt Verurteilung, Haltung statt Emotion, ergebnisorientiert“.19 Sie erklärte ausdrücklich, dass „Über Menschen“ „sicherlich keine rechten Ansichten verharmlosen will“ 7, sondern ihr Ziel sei, „über Menschen und ihren Charakter“ zu schreiben.20 Die Kontroverse ist eng mit Zehs breiterem öffentlichen Engagement verbunden, einschließlich ihrer kritischen Äußerungen zu Corona-Lockdowns als „totalitärer Strafsituation“ und ihrer Beteiligung an „Friedensbriefen“ zum Ukraine-Krieg.5 Sie versteht sich als „Brückenbauerin“, die den „Applaus von rechts“ in Kauf nimmt, wenn dies dazu dient, den Dialog zu fördern.5

Die „Nazi-Versteherin“-Kontroverse ist nicht nur eine öffentliche Debatte, sondern eine tiefgreifende Auseinandersetzung über die Rolle und die Grenzen von Literatur in einer polarisierten Gesellschaft. Indem Juli Zeh eine Figur wie Gote mit Komplexität darstellt und Dora die Entwicklung von Empathie für ihn ermöglicht, fordert sie direkt die vorherrschende moralische Forderung heraus, bestimmte Ideologien uneingeschränkt zu verurteilen, ohne die dahinterstehenden Individuen zu verstehen. Die Kritik offenbart ein gesellschaftliches Unbehagen mit Nuancen, wenn es um politisch aufgeladene Figuren geht, was auf eine Präferenz für klare moralische Grenzen gegenüber der unübersichtlichen Realität menschlicher Interaktion hindeutet. Zehs Verteidigung, dass „selbst Verstehen heute zu einem moralischen Problem geworden ist“ 19, unterstreicht ihre Überzeugung, dass die Aufgabe der Literatur gerade darin besteht, diese unbequemen Grauzonen zu erforschen, auch wenn dies Missinterpretationen oder öffentlichen Gegenwind nach sich zieht. Diese Kontroverse verdeutlicht eine gesellschaftliche Spannung zwischen dem Bedürfnis nach moralischer Klarheit und dem literarischen Streben nach komplexer menschlicher Darstellung.

6. „Über Menschen“ in Juli Zehs Gesamtwerk

Dieser Abschnitt ordnet „Über Menschen“ in den Kontext von Juli Zehs Gesamtwerk ein und beleuchtet thematische Kontinuitäten und Entwicklungen.

6.1. Kontinuitäten und Abweichungen von „Unterleuten“ (2016)

Sowohl „Über Menschen“ als auch „Unterleuten“ sind „Dorfromane“ 10, die in brandenburgischen Dörfern angesiedelt sind.9 Beide Werke erkunden die Dynamik ländlicher Gemeinschaften und den Konflikt zwischen „Neuzugezogenen aus der Stadt“ und „alteingesessenen Bewohnern“.23 Sie sind Gesellschaftsromane, die „wichtige Fragen unserer Zeit“ behandeln 22 und sich durch Humor und scharfe Beobachtungen auszeichnen.7

Es gibt jedoch auch deutliche Unterschiede:

  • Erzählperspektive: „Unterleuten“ verwendet eine multiperspektivische Erzählweise, die Ereignisse aus der Sicht zahlreicher Charaktere darstellt und dabei „Irrtümer und Selbsttäuschungen“ sowie die subjektive Natur der Wahrheit („keine objektive Wahrheit… immer nur Perspektiven“) hervorhebt.23 „Über Menschen“ hingegen konzentriert sich weitgehend auf Doras singuläre Perspektive.7

  • Ton und Auflösung: Während „Unterleuten“ das Dorf als „Schlangengrube“ und „Kampfzone“ darstellt, in der Konflikte eskalieren 23, bietet „Über Menschen“, obwohl es die „stumpfe, abgehängte Kleinbürgerlichkeit“ des Dorfes anerkennt 12, letztlich eine „versöhnlichere“ und „utopischere“ Vision von Gemeinschaft und Toleranz.7

  • Charakterfokus: „Unterleuten“ zeichnet sich durch eine größere Anzahl von Charakteren aus und untersucht systemische Prozesse.10 „Über Menschen“ verengt den Fokus auf Doras persönliche Reise und ihre Beziehung zu Gote.

Juli Zeh selbst bezeichnete „Über Menschen“ als eine „unverbundene Fortsetzung von ‚Unterleuten‘“ 17, was die thematische Verbindung bei gleichzeitig unterschiedlichem Ansatz unterstreicht. Sie merkte auch an, dass ihre persönliche Erfahrung von „Hilfsbereitschaft“ in ihrem eigenen Dorf „Über Menschen“ beeinflusst hat.18

Die Verlagerung von der multiperspektivischen, systemischen Kritik in „Unterleuten“ (wo Wahrheit kaleidoskopisch ist und Eigeninteresse dominiert) 24 hin zur singulären, empathischen Reise in „Über Menschen“ (wo menschliche Verbindung die Ideologie überwindet) markiert eine Entwicklung in Zehs Herangehensweise an gesellschaftliche Probleme. Während „Unterleuten“ die inhärenten Konflikte und den Mangel an Empathie in einer Gemeinschaft aufdeckte, sucht „Über Menschen“ aktiv nach einer

Lösung oder einem Weg zur Versöhnung durch individuelle Transformation und die Infragestellung vorgefasster Meinungen. Dies deutet auf eine Entwicklung von der Diagnose gesellschaftlicher Missstände hin zur Erforschung potenzieller Heilmittel auf menschlicher Ebene hin, was möglicherweise Zehs eigene Suche nach „Brückenbau“ widerspiegelt.5

6.2. Thematische Resonanz mit „Corpus Delicti“ (2009) und anderen Werken

  • „Corpus Delicti“: Dieser dystopische Roman untersucht eine „Gesundheitsdiktatur“, in der individuelle Freiheit für staatlich verordnete Gesundheit und Langlebigkeit geopfert wird.2 Themen wie Überwachung, Kontrolle und der Konflikt zwischen menschlichen Emotionen/Individualität und einem scheinbar unfehlbaren System werden behandelt.30 Die Pandemie-Kulisse in „Über Menschen“ schafft eine direkte, wenn auch weniger extreme, Parallele zu den Anliegen von „Corpus Delicti“ bezüglich staatlicher Intervention und individueller Freiheit.2

  • „Spieltrieb“ (2004): Dieser Roman befasst sich mit Nihilismus, der Konfrontation von Weltanschauungen und dem „Spieltrieb“ als treibender menschlicher Kraft.31 Er erforscht moralische Ambiguität und Machtdynamiken, Themen, die mit Doras Hinterfragung von „Gut und Böse“ und der inhärenten Komplexität der menschlichen Natur in „Über Menschen“ in Resonanz stehen.8

  • „Zwischen Welten“ (2023): Dieser gemeinsam mit Simon Urban verfasste Roman behandelt ebenfalls die Stadt-Land-Dichotomie und die politische Polarisierung durch einen Briefwechsel zwischen einer „verzweifelten Biobäuerin“ und einem „woken Journalisten“.19 Dies zeigt Zehs fortgesetzte Auseinandersetzung mit den Themen von „Über Menschen“.

  • „Leere Herzen“ (2017): Dieser Roman stellt die Frage, „was passiert, wenn Menschen den Glauben an gesellschaftliche Werte verlieren“ 22, eine umfassendere Sorge, die den ideologischen Spaltungen in „Über Menschen“ zugrunde liegt.

Juli Zeh setzt sich in ihrem gesamten Werk konsequent mit dem Erbe der Aufklärung auseinander, insbesondere mit den Idealen individueller Autonomie, Vernunft und Freiheit sowie deren Herausforderungen in der heutigen Gesellschaft. Von der staatlichen Kontrolle in „Corpus Delicti“ 2 über den Nihilismus in „Spieltrieb“ 31 bis hin zur politischen Polarisierung in „Unterleuten“ und „Über Menschen“ 29 untersucht Zeh, wie das moderne Leben mit seinen komplexen Krisen und ideologischen Spaltungen „große Orientierungslosigkeit und eine wahnsinnige Angst“ hervorruft.29 Sie postuliert, dass die „Aufklärung nicht vollendet ist“ 29, und ihre Romane, einschließlich „Über Menschen“, dienen als literarische Erkundungen, wie Individuen dieses unvollendete Projekt navigieren, oft indem sie starre Kategorien hinterfragen und menschliche Verbindung suchen.

Tabelle 2: Thematische Parallelen in Juli Zehs Werken

Roman

Zentrale Themen

Verbindung zu „Über Menschen“

Corpus Delicti (2009)

Individuelle Freiheit vs. staatliche Kontrolle/Gesundheitsdiktatur; Überwachung; menschliche Fehlbarkeit vs. Systemunfehlbarkeit; Vernunft vs. Emotion.

Implizite Kritik an staatlicher Übergriffigkeit in Krisen (Pandemiemaßnahmen); Hinterfragung „unfehlbarer“ Systeme; Suche nach menschlichem Empfinden/Individualität gegenüber starren Ideologien.

Unterleuten (2016)

Stadt-Land-Konflikt; gesellschaftliche Polarisierung; subjektive Wahrheit/multiple Perspektiven; Eigeninteresse vs. Gemeinschaft; Dorf als Kampfzone.

Direkter thematischer Vorläufer; Erkundung brandenburgischer Dorf-Dynamiken; Stadt-Land-Gefälle; Zehs persönliche Erfahrungen beeinflussen den Schauplatz; „Über Menschen“ bietet jedoch einen versöhnlicheren Ton und eine singuläre Perspektive.

Spieltrieb (2004)

Nihilismus; Konfrontation von Weltanschauungen; Machtdynamiken; moralische Ambiguität; menschlicher „Spieltrieb“.

Untersucht die Dekonstruktion moralischer Gewissheiten und die Hinterfragung von „Gut und Böse“, ähnlich Doras Reise in „Über Menschen“.

Zwischen Welten (2023)

Stadt-Land-Gefälle; politische Polarisierung (woke vs. völkisch); Kommunikationszusammenbruch; Suche nach Gemeinsamkeiten.

Direkte Fortsetzung der Themen aus „Über Menschen“ und „Unterleuten“, verstärkt Zehs anhaltendes Interesse an zeitgenössischen gesellschaftlichen Spaltungen.

Diese Tabelle ist von hohem Wert für eine tiefgehende Analyse, da sie einen vergleichenden Rahmen bietet, der die wiederkehrenden thematischen Fäden und die Entwicklung von Juli Zehs literarischen Anliegen in ihren bedeutendsten Werken aufzeigt. Durch die explizite Verknüpfung von „Über Menschen“ mit „Corpus Delicti“ (dystopische Kritik an Kontrolle) und „Unterleuten“ (ländliche Gesellschaftsdynamik) wird deutlich, dass „Über Menschen“ kein isoliertes Werk ist, sondern eine Fortsetzung und Verfeinerung von Zehs langjährigem intellektuellen und künstlerischen Projekt. Dies hilft auch, die „Nazi-Versteherin“-Kontroverse zu kontextualisieren, indem es zeigt, dass Zeh in ihrer gesamten Karriere konsequent starre Weltanschauungen hinterfragt und moralische Komplexitäten erforscht.

7. Fazit: Anhaltende Relevanz und bleibende Eindrücke

7.1. „Über Menschen“ als „Zumutung“ und Spiegel

Der Roman „Über Menschen“ wird als „Zumutung“ 16 beschrieben, da er die Leserschaft dazu zwingt, „die uneindeutige Wirklichkeit zu betrachten, anstatt in bequemen Schwarz-Weiß-Mustern zu urteilen“.16 Er fungiert als „Spiegel“, der die „Widersprüche und Gegensätze“ der zeitgenössischen deutschen Gesellschaft, insbesondere während der Corona-Pandemie, reflektiert.6

Die Charakterisierung von „Über Menschen“ als „Zumutung“ 16 fasst den künstlerischen und sozialen Zweck des Romans prägnant zusammen. Er ist nicht darauf ausgelegt, einfache Antworten zu liefern oder bestehende Vorurteile zu bestätigen, sondern vielmehr, Unbehagen zu provozieren und zur kritischen Selbstreflexion anzuregen. Indem der Roman die Leserschaft herausfordert, das eigene „Gefühl der Überlegenheit“ 15 zu hinterfragen und über ideologische Etiketten hinauszublicken, zielt er darauf ab, ein nuancierteres und empathischeres Verständnis menschlicher Interaktion in einer fragmentierten Welt zu fördern. Dies steht im Einklang mit Zehs umfassenderer Mission als Autorin, komplexe gesellschaftliche Fragen zu behandeln und intellektueller Bequemlichkeit entgegenzuwirken.

7.2. Bleibende Eindrücke und gesellschaftlicher Beitrag

Trotz der gemischten kritischen Rezeption bestätigen der kommerzielle Erfolg und die breite öffentliche Diskussion des Romans seine Relevanz und Resonanz bei einem großen Publikum.13 Er leistet einen wichtigen Beitrag zum fortlaufenden Diskurs über gesellschaftliche Polarisierung, das Stadt-Land-Gefälle und die Suche nach Gemeinsamkeiten in einer zunehmend von ideologischen Konflikten geprägten Welt. Juli Zehs Bereitschaft, „dorthin zu gehen, wo andere deutsche Autoren sich nicht hintrauen“ 15, indem sie kontroverse Figuren humanisiert, kennzeichnet sie als eine bedeutende Stimme in der deutschen Gegenwartsliteratur.

Die anhaltende Wirkung von „Über Menschen“, trotz der „Nazi-Versteherin“-Kontroverse, liegt in seiner Fähigkeit, notwendige, wenn auch unbequeme, Gespräche über Empathie, Urteilsvermögen und die Natur menschlicher Beziehungen über ideologische Gräben hinweg anzustoßen. In einer demokratischen Gesellschaft, die mit zunehmender Polarisierung zu kämpfen hat, erfüllt ein Roman, der die Leserschaft dazu herausfordert, zu „verstehen“ statt nur zu „verurteilen“ 5, eine vitale Funktion. Er erinnert daran, dass „gute Literatur gefährlich ist“, weil sie „den Leser infrage stellt“ 19, indem sie über vereinfachende Narrative hinausgeht, um die unübersichtliche, widersprüchliche Realität des Menschseins zu erforschen. Dies macht „Über Menschen“ nicht nur zu einem literarischen Werk, sondern zu einem wichtigen Beitrag zum zeitgenössischen gesellschaftlichen und politischen Denken.

Referenzen

  1. 01_COVER_165_Cover:01_COVER_135 - Buchkultur, Zugriff am August 5, 2025, https://www.buchkultur.net/wp-content/uploads/2019/11/Buchkultur_165.pdf

  2. Juli Zeh: Corpus Delicti - Goethe-Institut Tschechien, Zugriff am August 5, 2025, https://www.goethe.de/ins/cz/de/kul/the/lit/bt/juz.html

  3. Rezension: Über Menschen von Juli Zeh - La liseuse - WordPress.com, Zugriff am August 5, 2025, https://bibisadventures.wordpress.com/2025/02/05/rezension-uber-menschen-von-juli-zeh/

  4. Juli Zeh: «Manche nennen mich Nazi-Versteherin» - Watson, Zugriff am August 5, 2025, https://www.watson.ch/international/deutschland/874290585-juli-zeh-manche-nennen-mich-nazi-versteherin

  5. "Über Menschen" als eBook kaufen - Thalia, Zugriff am August 5, 2025, https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1059492673

  6. Über Menschen | Juli Zeh - Penguin Random House, Zugriff am August 5, 2025, https://specials.penguinrandomhouse.de/microsites/julizeh7/details.php?isbn=978-3-630-87667-2

  7. Rezension - Juli Zeh: "Über Menschen" - Die Buchbloggerin, Zugriff am August 5, 2025, https://www.diebuchbloggerin.de/juli-zeh-ueber-menschen/

  8. "Über Menschen" von Juli Zeh - oe1.ORF.at, Zugriff am August 5, 2025, https://oe1.orf.at/artikel/682702/Ueber-Menschen-von-Juli-Zeh

  9. About People - Wikipedia, Zugriff am August 5, 2025, https://en.wikipedia.org/wiki/About_People

  10. About People by Juli Zeh | World Literature Today, Zugriff am August 5, 2025, https://worldliteraturetoday.org/2024/march/about-people-juli-zeh

  11. Julie Zeh Über Menschen Luchterhand Wie Julie Zeh sich beim Interview mit Dennis Scheck selbst auf die Schippe nimmt, das gefä, Zugriff am August 5, 2025, https://s0501562193b8acc5.jimcontent.com/download/version/1679343996/module/19327979925/name/Zeh%2C%20Juli%20-%20%C3%9Cber%20Menschen.pdf

  12. Media Control Award: Juli Zeh: Über Menschen - erfolgreichstes Buch im 1. Hj. 2021, Zugriff am August 5, 2025, https://www.media-control.de/media-control-award-juli-zeh-%C3%BCber-menschen-erfolgreichstes-buch-im-1.-hj.-2021.html

  13. Juli Zeh: Über Menschen - #lesen.bayern, Zugriff am August 5, 2025, https://www.lesen.bayern.de/9783630876672/

  14. About People - Member Reviews | NetGalley, Zugriff am August 5, 2025, https://www.netgalley.com/book/285286/reviews

  15. Buchkritik: „Über Menschen“: Der neue Roman von Juli Zeh ist eine Zumutung, Zugriff am August 5, 2025, https://www.augsburger-allgemeine.de/kultur/Buchkritik-Ueber-Menschen-Der-neue-Roman-von-Juli-Zeh-ist-eine-Zumutung-id59351236.html

  16. Holz und Vorurteil – Juli Zeh: Über Menschen - Aufklappen, Zugriff am August 5, 2025, https://aufklappen.com/2021/06/04/holz-und-vorurteil-juli-zeh-uber-menschen/

  17. Juli Zeh, Über Menschen und Literatur, Gespräch mit Knut Elstermann - YouTube, Zugriff am August 5, 2025, https://www.youtube.com/watch?v=6KhXaMwG7mU

  18. Umstrittenste Schriftstellerin: Juli Zeh macht sich unbeliebt, erklimmt dennoch die Bestsellerliste - ajour, Zugriff am August 5, 2025, https://ajour.ch/de/story/umstrittenste-schriftstellerin-juli-zeh-macht-sich-unbeliebt-erklimmt-dennoch-die-bestsellerliste-/57829

  19. Über Menschen: Roman von Juli Zeh - Whatchareadin, Zugriff am August 5, 2025, https://whatchareadin.de/buecher/ueber-menschen-roman

  20. Eine kontrafaktische Lektüre von Juli Zehs Roman «Über Menschen» - Peter Lang Verlag, Zugriff am August 5, 2025, https://www.peterlang.com/document/1298889

  21. Die 10 besten Bücher von Juli Zeh - medimops Magazin, Zugriff am August 5, 2025, https://magazin.medimops.de/buecher/beste-buecher-juli-zeh

  22. Unterleuten by Juli Zeh - Goodreads, Zugriff am August 5, 2025, https://www.goodreads.com/book/show/28112365-unterleuten

  23. Unterleuten - Wikipedia, Zugriff am August 5, 2025, https://de.wikipedia.org/wiki/Unterleuten

  24. Juli Zeh: Über Menschen. Roman - Perlentaucher, Zugriff am August 5, 2025, https://www.perlentaucher.de/buch/juli-zeh/ueber-menschen.html

  25. Juli Zeh (Autor*innen) - Münchner Volkstheater, Zugriff am August 5, 2025, https://www.muenchner-volkstheater.de/menschen/autor-innen/juli-zeh

  26. Juli Zeh, UNTER/LEUTEN - Literarische Altersbilder, Zugriff am August 5, 2025, https://www.literarische-bilder-unserer-zeit.uni-koeln.de/index.php/Juli_Zeh,_UNTER/LEUTEN

  27. Juli Zeh über ihren Roman "Unterleuten" (NZZ Standpunkte 2016) - YouTube, Zugriff am August 5, 2025, https://www.youtube.com/watch?v=pN98JJjAYvI

  28. Zeh, Juli - Corpus Delicti: Ein Prozess (umfangreiche Zusammenfassung nach Kapiteln) :: Hausaufgaben / Referate => abi-pur.de, Zugriff am August 5, 2025, https://www.abipur.de/referate/stat/695638672.html

  29. Juli Zeh - Uni-DUE, Zugriff am August 5, 2025, https://www.uni-due.de/literarikon/zeh_werkcharakteristika

    *Coverabbildung honorarfrei für journalistische Nutzung – Penguin Random House Verlag.

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